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Lehmann: Greeneland

Welcome to Greeneland

 

Andrea Lehman hat eine neue wundergespickte malerische Raumskulptur erdacht, gemalt und gebaut. Auftritt: die Euphonia, ein Instrument zur Erzeugung von menschlichen Stimmlauten, Vorläufer der Erfindung des Telefons, die Alex. Graham Bell dann für sich beanspruchen und patentieren sollte, motiviert durch Gier und ein ererbtes philantropisches Interesse an Taubstummen und ihrer eugenischen Verhinderung für alle Zeiten.

Wir betreten Greeneland, eine besondere Parallelwelt, in deren Details und weitem historischem Hintergrund die Technologien des späten 19. Jahrhunderts und die Sorgen und Permutationen des späten britischen Empires der ersten Hälfte des letzten, 20sten als Licht-Mahre und Albdrücke hindurchscheinen.
Hintergründiger, schwarzer; intelligent verspielter Humor blitzt auf, so als würden mit prätechnologischen Gadgets versehene Goldfische, oder waren es Katzenhaie? – in der Kristallkugel eines eleganten siebenbürgischen Hellsehers Geheimdienstmantras aufsagen.

Dann tauchen wir ein in ein Spiegelspiel, daß Lehmann mit sich selbst, uns, den Betrachtern, aber vor allem mit den malerischen Mitteln, dem skulpturalen Umraum und nicht zuletzt mit dem kunst- und zeitgeschichtlichen Fundus in ausgebuffter Sophistikation in Gang setzt. Was Frau Lehmann (*1968) dazu bewog, die beiden Grahams, Greene und Bell, Tauben und Taube, als phantastische Protozoen in ihr eigenes, ganz spezielles Goldfischglas auszusetzen, erahnen wir wohl, vielleicht aber
auch nur vage-virtual.

Wo liegt Greeneland?

Greeneland ist nicht nur ein dunkles, grünlich schimmerndes Gröhnland, sondern auch Graham Greene’s Land, durchzogen von den Erfindungen und finsteren Plänen eines Alexander Graham Bell, dem eugenischen Propagator und Hersteller des ersten marktreifen Telefons, ein Urahn der Telekommunikation.
Ein dunkles Territorium im Nirgendwo der Imagination als auch der Gelehrtenrepublik, liegt Greeneland nahe bei Le-Carrè-Land und Joseph Conrad Country. In Frau Lehmanns Welt liegt es allerdings noch weiter oben, in einem hellsichtigen Jenseits der Vernunft. Im Kern ihres Werk sehen wir eine überbordende, doch disziplinierte Imagination und wahren Witz mit malerischer Brillanz gekoppelt am Werk. Ohne die Tuchfühlung mit der Physis und ihrer Schönheit aus den Augen und Händen zu geben oder die Füße vom Boden der Tatsachen zu nehmen, zeigt uns Frau Lehmann die Pfade durch ihr zugleich vertracktes und weitherziges Universum - durch dessen Treppenhaus, neben Bosheit markierenden Stimmen, ein verwehtes Gelächter zieht, dem geneigte Ohren beim Lesen von Cervantes' und Swifts Werken begegneten.

Background Thoughts in the Back Room

Graham Greene (*1904) soll sich in seiner Jugend mit Russischem Roulette vergnügt haben und die Psychiatrie von innen kennengelernt haben; kurz, ein vielleicht etwas verwilderter Lehrersohn. Mit 22 konvertierte er zum Katholizismus und heiratete eine Katholikin. Ausgebildet in Oxford, arbeitete Greene als Journalist und begann ab 1923, seine Erzählungen und Romane zu veröffentlichen. Im 2. Weltkrieg und bis Anfang der 60er arbeitete er für den britischen Geheimdienst MI6. Mit seinem Roman „Die Kraft und die Herrlichkeit“ schaffte es Greene in den Index, den vatikanischen Giftschrank verbotener Bücher, wenn auch Pabst Montini ihm beruhigend beschied: "Mr. Greene, some aspects of your books are certain to offend some Catholics, but you should pay no attention to that." Viele, fast würde man meinen alle, seiner Bücher wurden Bestseller und dienten als Vorlagen für einige Meisterwerke des Kinos. „Der dritte Mann“ mit Orson Welles hat, als Film wie als Begriff über die Jahrzehnte quasi mythischen Status angenommen.

Reisen, Schreiben und Gin Tonic waren seine Lebenselixiere. Die unverwechselbare Melange aus Melancholie, verquerem bis philosophischem, ethisch-religiösem Denken und Fühlen, eine quasipathologische Schuldbesessenheit - nicht nur katholischer Machart – ebenso wie die Verstrickung in tatsächliche Schuld und echten Verrat – dazu die genaue und dichte atmosphärische Schilderung der Protagonisten; von Diplomaten, Agenten, Gangstern, Geistlichen und den zugehörigen Frauen – zum anderen ihrer Umgebung: der Kolonialwelt des britischen Raj in der unaufhaltsam beginnenden Auflösung; und des alten Europas - politische Komplikationen im kolonialen Milieu der Sechziger Jahre und das Ende des Empires, nebst Übergabe an die Kolonialländer beziehungsweise den noch jungen Weltmachtaspiranten USA - all das macht Greenes Bücher, neben denen Le Carrés und anderer, zu einer literarischen, fast „authentischen“ Quelle zur Lage des „Western Mind“ im 20. Jahrhundert und zugleich zu einem süchtig-machenden Lesevergnügen.

Una Sancta Ecclesia

Das Konvertieren zum katholischen Christentum war eine intellektuelle Mode nach dem Ende des 1. Weltkriegs aus diversen Motiven: während die Dadabären in Zürich sehr zivil tobten, Tristan Tzara in der kommunistisch-surrealistischen "Bewegung" als Propagandist und Organisator sich gerierte und München zur anarchistischen Stadtrepublik mutierte, war der Eintritt in die Heilig-Römische eine der möglichen „konservativen“, anti-modernen Reaktionen auf das definitive Ende aller Gewißheiten.

Die Reihe der Schriftsteller, die entweder konvertierten oder in den Schoß der Kirche zurückkehrten, ist lang. J.K. Huysmans, G. K. Chesterton, Julien Green, T.S Eliot, Evelyn Waugh, François Mauriac, Edith Sitwell, Anthony Burgess (A Clockwork Orange), Marshall McLuhan und nicht zuletzt Anne Rice (Interview with a Vampire) –
sind Teil einer rückwärtsgewandten Avantgarde eines modernen Credo Quia Absurdum Est - und in diesem Sinne ebenso Zivilisationsflüchtlinge wie der arme Rimbaud.

Sicherlich spielte Faszination durch die Irrationalität und Pracht der Una Sancta eine Rolle, deutlicher aber sieht man hier - den verzweifelten Griff Schiffbrüchiger nach einem intellektuellen Rettungsfloß, verbunden mit der beruhigenden Sicherheit einer Tradition; und nicht zuletzt auch: dem Geschenk einer guten Camouflage.

 

 

 

Greenelands Maulwürfe

Kim Philby (*1912) war ein enger Freund Graham Greenes, der das MI6 verließ, bevor ersterer als Doppelagent aufflog. Daß Greene das MI6 niemals verlassen hat und seinen alten Freund Philby als britischen Tripelagenten im KGB betreute, ist kaum verifizierbar und Gegenstand diverser Forschungsprojekte - Philbys Vater jedenfalls, St. John Philby, Abenteurer, Arabist und Machinator - war an der Inthronisation der Familie Saud als Herrscherhaus im ölreichen Wüstensand im Dienste der damaligen Öl-Companies beteiligt, deren Erben uns heute noch beschäftigen.

Wir befinden uns hier also in der Parallelwelt der Geostrategischen Politik, diesmal derjenigen des sich auflösenden Raj Queen Victorias, in der, wie in allen Halbwelten, nichts so ist, wie es scheint.

Später sorgten Kim Philby und sein Freund Maclean als MI6-Mitarbeiter jahrelang dafür, daß westliche Atomwaffenforschung oder etwa Umsturzpläne in Albanien die Moskauer Kanäle erreichten - wobei stets die Frage bleibt, ob MI6 diese Information nicht eher aus taktischen Erwägungen durch sie liefern ließ. Im Januar 1963 tauchte Philby unter, floh in die UdSSR, beantragte politisches Asyl und verstarb 1988 als hochdekorierter KGB-Mitarbeiter und Held der Sowjetunion.

 

Welcome to Bell Telephone Country: Be Careful With That Phone, Eugene...

Graham Bell, (*1847), ist scheinbar und chronologisch gesehen aus einem ganz anderen Topf mit Fischen. Taubstumme, Sprecherziehung, Gebärdensprache und ein philantropisches Interesse an den akustisch-sprachlich Depravierten sowie an deren eugenisch begründeter Ausrottung, die dann, nicht nur im braunen Deutschland, sondern international, für alle Andersartigen in Gesetzes- oder Verwaltungsvorschriftsform gegossen wurde und per Zwangsterilisierung oder Mord ins Werk gesetzt wurden, sind der Hintergrund für Graham Bells "Erfindung" des Telefons. Phillip Reis leistete die Vorarbeiten, Antonio Meucci und Elisha Gray waren ebenso erfinderische Vorläufer und wurden von Bell kaltblütig als Zuarbeiter ausgenutzt und als Konkurrenten mafiös ausgeschaltet. Bell Telephone wurde ein wirtschaftlicher Riese und Vorläufer heutiger Companies wie Bell Tech Labs und A, T & T.

 

Greeneland im Kino. Kongeniale Regisseure inszenieren Greene:

Ministerium der Angst - Fritz Lang
Die Kraft und die Herrlichkeit - John Ford
Kleines Herz in Not - Carol Reed
Das Ende einer Affäre - Edward Dmytryk
Die heilige Johanna - Greene/G. B. Shaw - Otto Preminger
Vier Pfeifen Opium/ Der stille Amerikaner - Joseph L. Mankiewicz
Unser Mann in Havanna - Carol Reed
Reisen mit meiner Tante - George Cukor
The Human Factor - Otto Preminger
Das Ende einer Affäre - Neil Jordan

 

 

Anhang 1

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LIGHT-MARES


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Anhang 2

Stichwörter/ Keywords

Trance-Glocke

 

Fische, exquisite Fische, schwimmen im Kristallkugelglas

tote Taube, taube Tote

Goldfische mit frühen mechanisch-elektrischen Apparaten bestückt, Taube, Stumme, erbkranker Nachwuchs, Sprechkopfdiebstahl, Schattenmänner,

Humor und Eleganz

Kommunikation: Funkverkehr, Telefonie, Spracherzeugung

Kommunikation: arme Taubstumme, Philantropie, Gebärdensprache, Technische Lösung, Eugenische Lösung

Das Grauen: Verwirrung, Schock, Choc.

Patente: Wettbewerb/ brutales Austricksen, staatliche Regulierung der Verwertung von innovativer Technik, die Jagd um die Verwertungsrechte, Monopole,

Dienste: nichts ist, wie es scheint. Alles ist bloßer Schein.

Technologie: frühe sprechapperate, sprechköpfe, sprechkopfdiebstahl, patent pending, stromkrieg, eugenik, schattenpersonen

 

C Christoph Plum 2009

 

     
     
Zuletzt überarbeitet 15.01.2009