Die schrecklichen Konflikte, bei denen Menschen unter falschen Herdenbegriffen wie "Amerika", "der Westen" oder "der Islam" vereinnahmt und trotz ihrer Pluralität mit einer fiktiven kollektiven Identität ausgestattet werden, dürfen nicht länger eine derart große Macht über die Menschen haben. Vielmehr müssen sich die Menschen solchen Einflussnahmen widersetzen.

Wir verfügen nach wie vor über die aus der humanistischen Bildungstradition hervorgegangene Fähigkeit zu rationaler Interpretation. Sie ist alles andere als eine sentimentale Reverenz, die uns auf den Rückgriff auf traditionelle Werte oder auf die Lehren der Klassiker einschwört, sondern bedeutet vielmehr aktive Teilhabe an einem säkularen, rationalen Diskurs. Die säkulare Welt ist eine Welt, in der die Geschichte von den Menschen gemacht wird. Kritisches Denken unterwirft sich nicht irgendwelchen Befehlen, die zum Marsch gegen einen erklärten Feind mobilisieren. Statt auf den manipulierten "Kampf der Kulturen" müssen wir auf eine erstarkende Zusammenarbeit der verschiedenen Kulturen setzen, die einander überlappen und beeinflussen und sich zu weitaus interessanteren neuen Gebilden zusammenfügen, als es nach irgendwelchen verkürzten oder abwegigen Auffassungen vorgesehen ist. Für eine solche breitere Wahrnehmung brauchen wir Zeit, wie brauchen ein von Geduld und Skepsis getragenes Forschen, das sich stützen kann auf das Vertrauen in eine intakte wissenschaftliche Gemeinschaft. Diese jedoch ist in einer Welt, die nur das unmittelbare Agieren und Reagieren kennt, äußerst gefährdet.

Im Mittelpunkt des humanistischen Denkens stehen nicht Vorurteile und Autoritätshörigkeit, sondern das Handeln des Einzelnen und die persönliche Intuition. Der wichtigste Punkt aber ist, dass das humanistische Denken die einzige und meines Erachtens letzte Bastion darstellt, die wir gegen inhumanes Handeln und gegen die Ungerechtigkeiten in der Geschichte der Menschen besitzen. Dabei können wir heute auf den demokratischen Cyperspace zurückgreifen, der ungeheuren Mut macht, weil er für jeden User in einer Weise offen ist, die sich kein Tyrann und kein Dogmatiker früherer Epochen hätte ausmalen können. Die weltweiten Proteste vor Beginn des Irakkriegs waren nur möglich, weil es überall alternative Gruppen gibt, die auf alternative Informationen zurückgreifen und sie weiterverbreiten können. Und die in dem klaren Bewusstsein handeln, dass dieser kleine Planet für die Erhaltung der Umwelt, für die Menschenrechte und für libertäre Ziele auf unsere Arbeit angewiesen ist.

Edward Said
deutsch von Niels Kadritzke

http://www.monde-diplomatique.de/pm/2003/09/12/a0005.text.name,askgc4jFO.n,10

b222.de
Zuletzt überarbeitet 15.02.2004 Copyright 2003 bei b222.de und den Künstlern. E-Mail: b222 at b222.de
 
Texte: Said